Tag: Kurzgeschichte

Ein Junge schläft ein | Simon Chorchill

Ein Junge schläft ein von Simon ChorchillUrsprünglich erschien diese Miniatur von Simon Chorchill im Blog Parham & Cole. Sie ist zu gut, um sie dort zu belassen; sie ist zu kurz für tl;dr, aber zu nachhaltig, als dass man sie vergäße. Ein Junge schläft ein, im LePublikateur Literaturkanon.

Ein Junge schläft ein

Auf dem Weg nach Hause sitze ich im Bus, Linie 6, und die Welt und die Stadt um mich rum ist ein riesiges Aquarium. Keine großen Fische.
Es ist nicht mehr weit bis zum Abendbrot, bis ich keinen sehen muss, den ich nicht sehen will. Der Ort an dem ich einschlafen möchte, um aufwachen zu müssen, ist gleich um die Ecke. Wir sind fast an der Haltestelle, als der Bus langsamer wird. Ich schau müde aus dem Fenster.
Ich sehe eine Werbetafel mit Schülern, die sich auf die Ferien freuen und vor einem strahlend blauen Himmel stehen. Daneben winkt ein erwachsener Mann dem Busfahrer zu. Er telefoniert dabei. Seine freie Hand versucht mit ein paar Bewegungen dem Fahrer anzudeuten langsamer vorbeizufahren. Es sieht so aus als würde er versuchen den großen Bus beruhigen zu wollen. Aber der ist ganz ruhig, genau wie ich. Ich will nur nach Hause.
Langsam fühle ich mich unwohler, etwas oder jemand stimmt nicht. Ich muss hinsehen.
Der Mann ist nicht alleine, zwei Autos parken auf dem Bürgersteig. Das dürfen sie nicht. Andere Menschen, eine Frau, noch ein Mann und noch eine Frau hocken um etwas herum.
Jetzt sehe ich ihn. Ich sehe den Jungen. Er hat eine Kapuze auf, aber kann sein Gesicht nicht mehr verbergen. Seine Augen sind geschlossen, er bewegt sich nicht. Ganz schlaff liegt sein Körper halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Straße. Die Männer und Frauen halten ihn fest und reden mit ihm, aber er kann nichts hören. Sein Fahrrad liegt ein paar Meter weiter weg, bewusstlos.
Der Bus hält an und ich steige aus. Dann fährt er weiter.
Ich gehe an der Gruppe vorbei und weiß, dass ich nicht fragen werde ob ich helfen kann. Ich werde denken, ich kann nichts mehr tun, sie werden einen Krankenwagen gerufen haben. Es sind genug Leute anwesend, die helfen. Ich kann nichts tun, außer versuchen nicht hinzusehen, als sei ich bloß neugierig. Das sollen sie nicht denken, niemand soll das.
Aber ich schaue nochmal hin bevor ich um die Ecke biege, dort wo ich wohne, wo ich hin will.
Ein wenig später gehe ich die Treppen hoch und höre einen Krankenwagen. Nicht den Wagen, aber die Sirene.
Kleiner Junge, denke ich, komm wieder. Ich denke, kleiner Junge, wenn du einschläfst, dann komm wieder und hab ein Auge auf meine Nachbarschaft.

 

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Ethan | Eine Roadstory von Marcel Knöchelmann

Eine Roadstory aus New York | Marcel Knöchelmann | 2012

 

Der Mann steht am Straßenrand und winkt heftig. Neben ihm lehnt eine Ledertasche am Vorderrad eines Lincoln. Eine Kaffeekanne steht daneben.
Ich überlege noch, ob ich nicht einfach weiterfahren sollte, als ich sacht die Bremse trete und den Mietwagen halb auf dem Seitenstreifen zum Stehen bringe. Es nieselt leicht und vom Hudson weht Wind Schwaden aus Nebel herüber. Es könnte faulig riechen, der Hudson sieht faulig aus. Ich öffne die Tür und die Luft ist nur schwer und feucht.
Der Mann geht auf mich zu. Ich bleibe sitzen und warte auf ihn. Auch in  New York kommt kein Knochen zum Hund. Obwohl ich es vermutet hatte, bevor ich herkam.
„Hey, bin liegengeblieben und dachte…“
„Guten Morgen.“
„Ja, guten Morgen. Selbstverständlich.“ Er streckt mir seine Hand entgegen, „ich bin Ethan“.
Ich blicke auf seine Hand und fahre mit meiner rechten über Kinn und Mund. Wäre ich nur weitergefahren.
„Wie auch immer. Also, ich bin mit meinem Lincoln liegengeblieben und muss in die Stadt. Ich dachte, vielleicht könntest du mich ein Stück mitnehmen?“
„Ein Stück? In die Stadt?“
„Wenn du denn auf dem Weg dahin bist.“
„Bin ich.“
„Klasse. Also, ich hol nur schnell meine Sachen.“ Er eilt zurück und ich bleibe sitzen. Kleine Erdklumpen bleiben von Ethans Schuhen auf dem Seitenstreifen vor der offenen Tür zurück. Sie zerlaufen im steten Niesel. Ich schließe die Tür und sehe im Rückspiegel wie er Kaffee weg schüttet und den Becher hastig auf die Kanne schraubt. Ich will ohne ihn weiterfahren.
Ethan öffnet die Hintertür meines Zurzeitwagens und wirft Tasche und Kaffeekanne auf den Rücksitz.
„Willst du verreisen?“ Sein Blick ruht kurz auf meinem Koffer, der dort hinten liegt. Dann wirft er die Tür zu, reißt die nächste auf und setzt sich neben mich.
„Oder kommst du nicht von hier?“ Er schnallt sich nicht an, verschränkt stattdessen die Arme vor der Brust und wiegt den Kopf.
„Du kommst nicht von hier. Ich merk das. Du hast doch Akzent.“ Er legt einen Finger auf die großen Poren seiner Nase, „Europa?“
„Europa. Tatsächlich.“
„Ich wusste es.“ Er drückt sich selbstbewusst in den Sitz und grinst.
Ich zünde den Motor und fahre vorsichtig an. Vom Schotter auf die Straße zur Stadt. Tarrytown liegt hinter uns. Ich frage mich, ob Ethan aus Tarrytown kommt und was er in New York will. Tarrytown ist ein Loch, zumindest was ich davon gesehen habe, und wenn Ethan in New York arbeitet, wird er sicher dort irgendwo wohnen und nicht hier. Ich könnte aus diesem Loch kommen, aber der Akzent.
„Gut, dass du vorbeigekommen bist. Der Scheißwagen hat mich noch nie im Stich gelassen. Aber heute morgen: Ich fahr die Straße entlang aus dem Ort raus und zack. Nichts geht mehr. Wahrscheinlich liegt es an dem gottverdammten Ort hier. Tja, so steht man dann da, im Regen.“ Sein Lächeln verfliegt und er schüttelt der Kopf, der Amerikaner aus dem Regen.
„Willst du Kaffee? Na klar willst du. Ich hab ihn selbst aufgebrüht, heut morgen. Eigentlich macht das sonst Clarice, meine Frau. Aber heut morgen hab ich ihn selbst aufgebrüht. War hier nur zu Besuch.“ Er wartet und überlegt. „Clarice setzt aber auch immer einen ganzen Liter auf und ich schaff ihn nie. Ab vier trink ich keinen mehr. Ist so ein Grundsatz. “
Er rutscht auf dem dunklen Bezug seines Sitzes herum und tastet hinten nach seiner Kanne.
„Eigentlich brauch ich keinen.“
„Was? Sicher? Der ist nicht schlecht, nur weil ich ihn gemacht hab.“
„Danke, trotzdem.“
„Nicht? Okay. Aber ich schulde dir mehr als nur einen Kaffee.“
„Bestimmt nicht.“ Ich steuere den Wagen auf die Interstate Richtung New York. Ich will nicht über die Interstate fahren. Mir wäre die Strecke unten am Hudson lieber, aber dann würde mich Ethan für einen Touristen halten. Das bin ich nicht. Aber ich könnte ihm keinen Grund nennen, warum ich es nicht sein sollte. Ich kann ihm überhaupt keine Gründe nennen, also fahre ich weiter.
„Ich nehme selbst einen. Gerade als du mich gefunden hast, wollte ich einen trinken. Aber dann hab ich ihn doch weg geschüttet. Ich dachte erst, vielleicht hast du das nicht so gern, Kaffee im Auto.“
Ethan lässt den Kaffee aus der Kanne in den kleinen Becher träufeln. Dampf steigt auf und golden schimmernder Schaum erblüht kurz, verschwindet aber sofort wieder.
„Du hast doch nichts dagegen, oder?“ Er sieht mich von der Seite an. Sein Zweifel verpufft schneller als der Dampf.
„Schon gut. Ist nicht mein Auto.“ Ich nicke zum wuchtigen Aufkleber der Autovermietung. Feel as free as in your (almost) own car.
Ich reihe mich auf der Interstate ein und fühle mich wie ein Taxifahrer. Ausländer mit der schwindenden Überzeugung, von diesem Auto aus den Sprung zu was Besserem zu schaffen. Oder zumindest zu wagen.
„Darf ich das Radio anmachen?“ fragt er über den Becher hinweg.
„Klar. Fühl dich so frei wie in deinem fast eigenen Auto.“
Er schlürft und dreht am Regler. Ich hatte das Ding noch nicht einmal eingeschaltet, obwohl ich nun schon dreieinhalb Wochen mit dem Auto unterwegs bin. Dreieinhalb Wochen, in denen ich etwas zu finden hoffte, vielleicht etwas Ursprüngliches, hier oben in den kleinen Orten des Nordostens.
Ethan findet WNYC und lehnt sich wieder ins Polster.
„Also was machst du hier? Was hast du in Tarrytown gemacht? Hast du dir Sleepy Hollow angeguckt? Dutch Cemetery?“
Ja. Ich war den ganzen Nachmittag gestern auf dem Friedhof unterwegs, habe die alten Gräber begafft und mir Gedanken über die Friedhofsgeschichten gemacht. Sie sind bekannter als er selbst, wie das so ist.
„Nein. Ich bin nur durchgefahren. Hab von der Straße aus die Kirche gesehen. Aber sonst nichts weiter.“
„Lohnt sich auch nicht. Also es lockt die Touristen hierher, Gelder. Aber sonst? Naja. Da liegt ein Haufen erfolgreicher Leute in der Erde und alle Welt kommt gelaufen, als würde der Ruhm aus dem Grab strahlen. Vielleicht steht ja ein Sack Münzen auf dem alten Rockefeller. Tss.“ Ethan schüttelt den Kopf und glotzt angewidert aus dem Fenster. Es nieselt noch, aber für den Wischer ist es nicht genug. Wir rollen die dreispurige Interstate gemächlich entlang. Ich habe keine Eile und Ethan wohl ebenso nicht. Der Motor brummt monoton und das Radio trällert aufgeregt dagegen an. Ich müsste was sagen, aber ich will nicht. Ethan befreit mich:
„Ich wollte eigentlich nur für die Nacht hoch und heute morgen wieder zur Arbeit. Aber wie gesagt, wenn man den Wagen braucht, lässt er einen im Stich. Ich sollte mir einen deutschen Wagen holen. Kleiner, aber verlässlich. Nur würden mir dann Nachbarn und Kollegen mit Hohn ins Genick fallen.“ Er grinst wieder und ich glaube, er hat das Bedürfnis mir einen Klaps auf die Schulter zu geben. Ich lächele undeutlich und sehe schnell weg.
„Tja. Wo kommst du noch her?“
„Deutschland.“
„Nein. Da haben wir es. Und was empfiehlst du mir? Was fährst du?“
„Ich muss gestehen, ich habe keinen eigenen Wagen. Und ich weiß nicht, was ich dir empfehlen sollte.“
„Aber eure Maschinen sind doch das Beste, was ihr habt.“
„Wir haben noch mehr.“
„Ja, bestimmt. Aber ihr lebt doch davon. Industrie und das.“
„Auch.“
„Ist nicht so dein Thema, hm?“
„Es ist einfach ein unliebsames Thema.“
„Na gut. Und was arbeitest du?“
„Bin da grad nicht so drin.“ Ich hab mit dem großen Wirtschaften abgeschlossen. Ich hatte mich in was rein gesteigert, was ich nicht wollte. Eine Ideologie vielleicht. Es hat lang genug gedauert und nun brauch ich etwas Neues. Deswegen bin ich hier. Inspiration allenfalls.
„Naja, jedem das Seine.“
„Nein, Ethan. So einfach ist das nicht.“
„Ach.“ Er saugt wieder an seinem Becher und nimmt mich mit seinem Blick auseinander. Erst meinen Koffer, dann meine Kleider. „Man identifiziert sich doch mit etwas.“
„Vielleicht mit etwas. Aber ich identifiziere mich nicht mit einem Job.“
„Und darüberhinaus?“
„Was soll da schon sein.“
„Familie. Kinder. Dein Stück Grund.“
Er wartet und kippt den letzten Schluck hinunter, öffnet das Fenster und schüttelt den Becher aus. Dann dreht er ihn zurück auf die Kanne und legt diese unter seinen Sitz.
„Mein Stück Grund ist verkauft.“
„So?“
„Ja. Früher oder später zerfallen Dinge eben, wenn man sich aufs Falsche konzentriert. Man guckt kurz weg und dann,“ ich zeichne einen Wurf nach hinten mit der Hand in die Luft.
„Und jetzt bist du hier.“
„Jetzt bin ich hier.“
Ich will ihm sagen, dass ich jetzt Richtung New Rochelle abbiegen muss. Ich könnte ihn hier raus werfen und so energischeren Fragen entgehen. Es fahren hunderte Autos in die Stadt. Ethan würde sofort eine Mitfahrgelegenheit finden. Dann könnte er sich über die Wichtigkeit eines verlässlichen Autos auslassen und mit seinem neuen Chauffeur über Lederbezug und Hubraum diskutieren. Später würde er genüsslich zehn Dollar auf die Mittelkonsole legen und darauf bestehen ihn nicht wieder anzunehmen. Eigentlich müsste er doppelt soviel hinlegen, scherzte er dann beim Aussteigen, so angeregt habe er sich ja schon lange nicht unterhalten. Aber ich sage nichts und er inspiziert weiter.
„Was führt dich denn hierher? Keine Sehenswürdigkeiten abhaken, aber hier oben rumfahren?“
„Ich weiß nicht. Ich wollte die Gegend sehen. Aber nicht so typisch eben.“
„Nicht so typisch?“
„Ja.“
„Aha. Und jetzt geht’s in die Stadt?“
„Ja.“
„Da musst du dich natürlich dann entscheiden, was du willst.“
„Muss ich das?“
„Was weiß ich, was du musst.“ Ethan senkt den Kopf und betrachtet interessiert seinen Schoß. Er zieht mit Finger und Daumen die Bügelfalten seiner Hose nach. „Jedenfalls kannst du da nicht hin und irgendwie untypisch die Gegend sehen. Da gibt es zu viele Möglichkeiten. Das läuft einfach nicht.“
„Aha.“ Ich reihe den Wagen in die Ausfahrt zum Saw Mill Parkway ein. Hier liegt Yonkers.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen Halt zu machen, um Spuren von Richard Yates zu suchen. Stattdessen fahre ich weiter. Ethan kennt Yates nicht. Er hat kein Interesse an den Arten der Einsamkeit. Wir sagen einige Minuten nichts. Der Verkehr wird zunehmend dichter. Alle fahren zur Arbeit in die Stadt.
„Ich habe gestern eine alte Bekannte getroffen. Deswegen bin ich hoch gefahren.“ Er raspelt mit der Hand über sein Kinn. Ich schiele verstohlen zu ihm herüber. Ein matter, silberner Ring mit einer Reihe glimmernder Steine darauf prahlt unverhohlen. Clarices Glück strahlt von diesem Finger her und ich frage mich, ob Ethan den Ring so einfach abziehen kann.
Draußen rauscht der Hudson vorbei. Er ist nicht mehr so breit, aber nicht minder schlammig. Vielleicht riecht er hier faulig. Ich wage aber nicht, die Fenster runter zulassen. Es würden sowieso nur Lärm und Abgase meiner Gefährten herein strömen. Wir fahren nun alle langsamer. Vor mir, dann hinter mir gleichen sich alle an.
Gestern ist Ethan irgendwann hier hoch gefahren und hat sonstwen getroffen. Vorher hat er kurz Clarice angerufen. Hat alles eingerichtet, Arbeit und so. Tut mir leid. Dann fuhr er mit dem Lincoln bei vielleicht Lilly oder Caren vor. Sie stand schon draußen, lichte Kleidung im feuchten Wind. Das Dekolleté gerade weit genug für seinen gierigen Sündenlohn.
„Also bist du das erste Mal hier?“
„Nein. Ich bin am Guardia gelandet.“
„Na, die Stadt mein ich. Die kennst du nicht.“
„Nein.“ Und sie interessiert mich nicht. Das heißt, eigentlich schon, aber ich habe Angst eine Ecke zu verpassen, eine Möglichkeit auszulassen. Als ich für diese Reise ankam bin ich abends durch Brooklyn spaziert und habe mit sicherer Entfernung des Eastriver die Skyline Manhattens betrachtet. Nichts als beunruhigt haben mich die Lichter, die erleuchtete Nacht, weil sogar im Dunkeln die Stadt noch zeigen will, was sie hat. Ich habe dann nicht das gebuchte Zimmer aufgesucht, sondern mich in den Mietwagen gesetzt und bin Richtung Norden gefahren, bis die Wälder Maines einerseits und der Atlantik andererseits mir das Gefühl gaben, ungestört schlafen zu können. Auf dem dunklen Sitz, den nun Ethan besetzt.
„Also gut. Ich muss zur 375 Pearl Street. Wir können hier einfach runter fahren und weiter bis zur Brooklyn Bridge. Okay?“
„Gut. Ich hab Zeit.“
„Solang dauert das gar nicht. Geht alles ganz fix, kurze Wege. Ich will dir ja nicht die Zeit stehlen, das alles hier zu entdecken. Wie lang bist du noch hier?“
„Ich weiß nicht.“
„Wie denn das? Du musst doch wissen, wann dein Flug geht.“
„Ich habe den Rückflug verstreichen lassen.“
„Das soll einer verstehen.“
„Das soll keiner verstehen.“ Ich konzentriere mich und versuche den Wagen sicher durch den Verkehr zu bringen.
Ethan sitzt versteinert da, versucht zu verstehen, strengt sich wirklich an. Aber Aufschieben kennt er nicht. Innerlich klaubt er wohl Worte zusammen, die er mir sagen könnte.
Der Verkehr staut sich leicht auf Höhe der Finanzplatzgroßbaustelle. Ich drehe vorsichtig am großen Regler des Radios bis etwas Angenehmeres ertönt. Es dauert. Plötzlich schallt Sonny Clarks locker säuselndes Tätscheln der Tasten durch den Wagen. Ich dreh etwas lauter und genieße den gehenden Bass. Er ist das beste an dem Song. Der Song, ich überlege und komme nicht drauf. Irgendwas mit Softly.
Nichts könnte besser passen, wenn man auf dem Weg zur Arbeit mit dem Lincoln die Südspitze Manhattans umfährt, die Kanne voll Kaffee von Clarice, der Rest gestillt durch Lilly oder Caren. Sonny Clark machte es perfekt. Ich bedaure nicht schon oben in Maine das Radio mal angestellt zu haben.
Ethan scheint immer noch nachzudenken, schreckt plötzlich hoch, als der Doubletime Part einsetzt. „Nicht so hastig. Nicht so hastig. An der Auffahrt vorbei und dann halt den Wagen an.“
„Hier?“
„Na, da vorn irgendwo.“
„Gut.“ Ich bin noch bei Sonny Clark.
Ethan dreht leiser. „Immer dieser Jazz. Auf dem Sender kommen nicht mal Nachrichten. Naja.“ Er kramt in seinem Jackett nach der Brieftasche.
„Lass. Ich wollte doch sowieso hier runter.“ Ich erhebe ergeben die Hände.
„Bist du sicher?“
„Ja. Klar.“ Ich sehe ihn an und überlege ihm einen schönen Tag zu wünschen. Aber ich verachte, dass er den Jazz, diesen Trumpf seines Landes, nicht schätzt. Und ich verachte, dass er nichts ungenutzt lässt. Immer ganz vorn, jede Sekunde erfüllt, kein Funke Zweifel. Grundsätze, Überzeugungen, im Puls der Stadt. Aber was weiß ich schon. Softly, As in a Morning Sunrise, schießt es in mir hoch. So heißt der Song, das weiß ich.
„Also gut. Dann danke noch mal. Vielleicht laufen wir uns ja noch mal über den Weg.“ Er zwinkert mir zu, greift dann nach hinten und holt seine Tasche hervor.
„Wohl nicht,“ sage ich als Ethan schon halb aus dem Wagen ist. Er hat es nicht gehört, dreht sich nur noch einmal kurz um und winkt. Wirft dann die Tür ins Schloss. Ein kalter Luftzug weht von der Beifahrerseite herüber. Draußen ist es nass und schnell und Ethan strebt hastig auf den Verizonbetonklotz zu. Ohne Zweifel ist es das hässlichste Gebäude der Stadt und er verbringt seine Zeit darin.
Ich sitze im Auto, bewegungslos, der Motor läuft und ich staune. Vor mir gibt es alles, zwischen Beton und Glas. Hinter mir fließt der East River und vom Autodach das Regenwasser. Alles ist in Bewegung und ich sitze fest. Ich will mitfließen, den Fluss hinunter, über den Atlantik einem Heim entgegen, das da mal war. Jemand muss mich hierbehalten, zum Glück zwingen. Etwas steigt mir die Kehle hinauf. Ich schlucke mehrmals. Nichts passiert.

 

Tappan Zee Bridge, New York

Fotografien aus New York (© Marcel Knöchelmann)

New York Fotografie von Marcel Knöchelmann hier: LePublikateur zeigt die städtische Inkarnation des amerikanischen Traums in schwarz und weiß

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