Google Books ist böse; Sergey und Larry machen alles kaputt: In der 46. Kalenderwoche produzierten zwei Meldungen Aufregung, die grundsätztlich nichts miteinander zu tun haben. Roland Reuß bescheinigte Bibliotheken unzureichenden Datenschutz und Torheit, während ein New Yorker Bundesrichter die Klage der Authors Guild zurückwies. Der Konsens: sowohl Reuß als auch Authors Guild sehen in der Datenkrake Google ein großes Übel. Dass Google Books das Wissen auf seiner Seite hat, verkommt scheinbar zur Nebensache. Ein Kommentar von Marcel Knöchelmann

Ronald Reuß Faz

Der Artikel von Roland Reuß auf faz.net (Screenshot/Design © Marcel Knöchelmann)

Google Books

2005 klagte die Authors Guild gegen Google wegen dessen Digitalisierungsprogramm. Vielen ist dieses unter der Präsenz Google Books bekannt. Man googelt: von ausgefallenen Schlagworten oder Zitaten bis hin zu forschungsleitenden Fragen und landet plötzlich inmitten eines urheberrechtlich geschützten Buches.

Dort kann man sich umsehen, kostenlos; einige Seiten vor und nach der Textstelle, die Google für den Suchenden als passend erachtet. Dass dafür ein unsagbar komplexer (und sagenumwobener) Algorithmus notwendig ist, beachten die wenigsten. Insbesondere nicht die Kritiker, für sie zählt das Argument des Urheberrechts.

Authors Guild und AAP

Die Authors Guild – eine amerikanische Autorenvereinigung – sah beispielsweise die Rechte ihrer Mitglieder in Gefahr und verfasste besagte Klage. Sie beanstandet, dass Google millionenfach Bücher digitalisiert, sie Nutzern kostenlos zur Verfügung stellt und damit eigene Interessen verfolgt. Die Autoren gingen dagegen leer aus, da sie keine Aufwandsentschädigung bekämen.

Fast zeitgleich mit der Authors Guild hat 2005 die AAP (Association of American Publishers) eine ähnliche Klage gegen Google eingereicht. Nachdem das Verfahren zwischenzeitlich zusammengezogen und später wieder getrennt wurde, einigten sich AAP und Google im Oktober 2012 zu einem Vergleich. Seitdem stehen den angehörigen Verlagen individuelle Optionen und Mitspracherechte zu. Sie sind nun vielleicht noch nicht Mitstreiter, doch zumindest nicht mehr Gegner des Digitalisierungsprogramms.

Google Books

Googles Tranzparenzbericht (Screenshot der Site)

Ordnung und Ortung von Informationen

Googles exakte Absicht abzustecken, ist nicht leicht. Fakt ist, mittlerweile hat der Konzern über 20 Millionen Bücher – und damit ganze Bibliotheksbestände von Universitäten – digitalisiert. Das ist allerdings kein Damoklesschwert. Genauso wenig sollte das Technologie-Unternehmen als vorsätzlich schlecht oder – wie Reuß in der FAZ schrieb – Google Books als „datenschutzrechtlich ein Abgrund und gefährlich“ deklariert werden.

Google lebt von Daten. Die Ordnung und Ortung von Informationen ist der Grundbaustein und noch heute wesentliches Geschäftsmodell. Die Erweiterung dieser Funktionen um individualisierte Datenlieferung ist der nächste Schritt für verbesserte Dienstleistung gewesen. Und dieser wird zweifellos von Milliarden Menschen weltweit geschätzt. (Bspw. haben im Dezember 2012 mehr als 1,2 Milliarden eindeutige Nutzer auf die Suchmaschine zugegriffen und zusammen gut 114 Milliarden Suchanfragen gestellt.)

Die dunkle Seite der Macht

Dementgegen steht, dass Google auch die Werbung für Nutzer individualisiert; dass Daten womöglich anonymisiert verkauft werden; dass Nutzer kategorisiert und Datenbanken über sie gefüllt werden, mit Angewohnheiten wie Internetnutzungsverhalten, mit Psychogrammen oder gar mikrosegmentierten Marktrelevanzen. Das kann man als Bürger und Datenschützer verachten. Man kann sich aber davor schützen und Google gänzlich meiden. Auch Amazon, Apple oder Payback kann man meiden. Wer nicht Teil der großen Datenwolke werden will, kann sich allerdings nicht der Vorteile daraus bedienen. Es ist ein Dilemma, sich vorschnell über die Machenschaften aus dem Silicon Valley zu beklagen – und hierfür Informationen heranzuziehen, die zuvor gegoogelt wurden.

Denn wenn es darauf ankommt, Wissen zu erhalten, mit einfachsten Mitteln direkt zu den exaktesten Ergebnissen zu kommen, ist Google die beste Adresse – und konkurrenzlos. Bibliotheksdatenbanken mögen teilweise Vergleiche wagen, doch unterliegen sie, weil sie eben nur auf Bestände reduziert sind und nicht Tagesgeschehen miteinbeziehen.

Datenschutz und Informationskompetenz

Nun kooperieren Bibliotheken mit Google und nutzen technisch hochwertige Datenbanken und Recherchesysteme, um Wissenszugang modernen Standards anzupassen, bzw. die Standards modern zu machen. Unter anderem geben Bibliotheken Metadaten der Kataloge an Google weiter. Metadaten sind eine wahre Goldgrube, da erst durch sie der Algorithmus perfektioniert werden kann.

Anders als Herr Reuß, der die Bibliotheken ob dieser Weitergabe mit Torheit schilt, sind sich die Bollwerke europäischer Bildung ihrer Arbeit bewusst. In einer Stellungnahme begründen sie ihre Kooperation damit, „um künftig die(…) Erschließungsleistungen über einen zentralen Sucheinstieg zugänglich zu machen.“ Darüber hinaus reichen sie keine sensiblen Nutzerdaten weiter, denn schließlich „gehören Datenschutz und Informationskompetenz zu den Kernaufgaben der Bibliothekare.“

Wissen und Marktmacht

Es verbleibt letztendlich ein fader Beigeschmack, wenn Google Books alle Bücher enthält, die Bibliotheken in Jahrhunderten anhäufen mussten. Sergey Brin und Larry Page, die Google-Gründer und ersten Entwickler des ursprünglichen heiligen Algorithmus’, drängen darauf, mit Technologie die Welt zu verbessern; oder zumindest zu verändern (und zudem die Anteilseigner zu befriedigen!). Doch wie Denny Chin, der New Yorker Bundesrichter, sein Urteil begründete: Google Books baut ein „unschätzbares Recherche-Werkzeug“ auf. Davon profitieren Nutzer wie Wissenschaftler, Unternehmen, der gemeine Bürger und eben auch Autoren. Weil Wissen zugänglich gemacht wird und Wissen Macht ist. Die Geschichte von Google selbst beweist, wie aus Wissen tatsächlich (Markt-)Macht entstehen kann.

Hier eine großartige Dokumentation über Google Books, ursprünglich ausgestrahlt auf Arte:

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