Tag: Lyrik

Fontanes Winterstille | Das 21. Türchen

Lyrik zum WinteranfangHeute ist Winteranfang. Da das Wetter allerdings nicht mitspielt, versucht das 21. Türchen, den Winter wenigstens literarisch einzuläuten. Ein Gedicht von Theodor Fontane sticht aus der Menge an Winter-Lyrik heraus. Es lädt wie kein zweites dazu ein, die Atmosphäre aufzuspüren, die der Winter mit sich bringt: Alles still!

Theodor Fontanes Alles still

Der stille Schnee

Theodor Fontane geht allerdings weit über die Jahreszeit hinaus, wenn er über den Winter schreibt. Erst so etwas wie innere Ruhe oder Besinnlichkeit schaffen es, den Winter so zu erkennen, wie Fontane ihn auftreten lässt. Wenn man die Verse im Kopf auf und nieder gehen lässt, öffnet sich das Panorama. Selbstredend schätzt sich glücklich, wer die Ruhe hat – am letzten großen Verkaufssamstag der Adventszeit.

Theodor Fontane: Alles still!

Alles still! es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei,
Keiner Fichte Wipfel rauschet
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! die Dorfes-Hütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! nichts hör’ ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht; –
Heiße Thränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Theodor Fontane, 1905

 

Theodor Fontanes Alles still

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Weihnachten, zertrümmert | Das 20. Türchen

Lyrik im AdventskalenderDas 20. Türchen des LePublikateur Adventskalenders eröffnet einen schmalen Grat: Weihnachten ohne Fest. Kaum etwas könnte das wohl treffender darstellen als Lyrik. Kaspar Hauser, besser bekannt als Kurt Tucholsky, hat in einem bedrückenden Gedicht ein Weihnachtsfest in Türmmern festgehalten. Es öffnet Gedanken in einer Zeit, die Nachdenklichkeit fordert.

Kurt Tucholsky: Weihnachten

Weihnachten: Besinnen und Erinnern

Weihnachten: Besinnen und Erinnern

So steh ich nun vor deutschen Trümmern
und sing mir still mein Weihnachtslied.
Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,
was weit in aller Welt geschieht.
Die ist den andern. Uns die Klage.
Ich summe leis, ich merk es kaum,
die Weise meiner Jugendtage:
O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre
und käm in dies Brimborium
– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –
weiß Gott! ich kehrte wieder um.
Das letzte Brotkorn geht zur Neige.
Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.
Ich hing sie gern in deine Zweige,
o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:
Wer ist an all dem Jammer schuld?
Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?
Uns Deutsche mit der Lammsgeduld?
Die leiden nicht. Die warten bieder.
Ich träume meinen alten Traum:
Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!
Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!
Dann sing du frei die Weihnachtslieder:
o Tannebaum! O Tannebaum!

Kurt Tucholsky als Kaspar Hauser, 1918

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Rainer Maria Rilke | Das neunte Türchen

Der Lepublikateur AdventskalenderZum neunten Türchen des LePublikateur Adventskalenders soll einmal mehr Lyrik für sich sprechen. Heute ist es Rainer Maria Rilke, der uns zwei Minuten Nachdenklichkeit schenkt. Mit seinem Gedicht Herbst (nicht zu verwechseln mit Herbsttag) aus dem Buch der Bilder hat Rilke einen Klassiker deutscher Lyrik verfasst und zudem nicht selten zitierte Sätze von sprachlicher Schönheit:

 

Herbst Rilke

Herbst und haltende Hände (© Knöchelmann)

Rainer Maria Rilke: Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

 

 

 

Rainer Maria Rilke: Aufgang oder Untergang

Außerdem: Wer sich für Lyrik interessiert, wird sicher die Projekte von Schönherz & Fleer kennen. Hier die großartige Vertonung mit der Rezitation von Mario Adorf: Aufgang oder Untergang

 

 

 

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Knecht Ruprecht | Das Nikolaustürchen

LePublikateurs NikolaustürchenZu Nikolaus, dem sechsten Türchen des LePublikateur Adventskalenders, gibt es ein klassisches Nikolausgedicht. Generationen von Menschen sind mit diesem Gedicht aufgewachsen, kennen es auswendig und wissen sofort, was kommt, wenn es heißt: Von drauß’ vom Walde komm ich her… Theodor Storm hat mit diesem Gedicht von 1862 Knecht Ruprecht in einen Dialog mit dem Christkind gestellt. Wie der Weihnachtsmann heute von Coca Cola geprägt ist, war es früher das Knecht Ruprecht von Theodor Storm. Und ist es bisweilen noch heute.

 

Theodor Storms Knecht Ruprecht

Der deutsche Dichter Theodor Storm aus Lettern gesetzt (© Knöchelmann)

Knecht Ruprecht von Theodor Storm

Ruprecht:

Habt guten Abend, alt und jung,
Bin allen wohl bekannt genung.

Von drauß’ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor;
Und wie ich so strolcht’ durch den finstern Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an:
»Knecht Ruprecht«, rief es, »alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt’ und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!«
Ich sprach: »O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel gute Kinder hat.«
– »Hast denn das Säcklein auch bei dir?«
Ich sprach: »Das Säcklein, das ist hier:
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
Essen fromme Kinder gern.«
– »Hast denn die Rute auch bei dir?«
Ich sprach: »Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten.«
Christkindlein sprach: »So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!«

Von drauß’ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find!
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

Vater:

Die Kinder sind wohl alle gut,
Haben nur mitunter was trotzigen Mut.

Ruprecht:

Ei, ei, für trotzgen Kindermut
Ist meine lange Rute gut!
Heißt es bei euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?

Vater:

Wie einer sündigt, so wird er gestraft;
Die Kinder sind schon alle brav.

Ruprecht:

Stecken sie die Nas auch tüchtig ins Buch,
Lesen und schreiben und rechnen genug?

Vater:

Sie lernen mit ihrer kleinen Kraft,
Wir hoffen zu Gott, daß es endlich schafft.

Ruprecht:

Beten sie denn anch altem Brauch
Im Bett ihr Abendsprüchlein auch?

Vater:

Neulich hört ich im Kämmerlein
Eine kleine Stimme sprechen allein;
Und als ich an die Tür getreten,
Für alle Lieben hört ich sie beten.

Ruprecht:

So nehmet denn Christkindleins Gruß,
Kuchen und Äpfel, Äpfel und Nuß;
Probiert einmal von seinen Gaben,
Morgen sollt ihr was Besseres haben.
Dann kommt mit seinem Kerzenschein
Christkindlein selber zu euch herein.
Heut hält es noch am Himmel Wacht;
Nun schlafet sanft, habt gute Nacht.

 

 

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Theodor Storm | Das dritte Türchen

Das dritte Türchen des AdventskalendersMit dem dritten Türchen des LePublikateur Adventskalenders gibt es ein ernstes, aber schönes Gedicht von Theodor Storm. Der norddeutsche Schriftsteller des Realismus ging in seinen zahlreichen Gedichten und Novellen kritisch mit Gesellschaft und Zeit um. So wundert es nicht, dass er zu Weihnachten – der Zeit, in der es besonders zu Konsum und Völlerei kommt – zu Mitgefühl mahnt. Auf das Besinnlichkeit nicht nur Begehrlichkeit ist.

 

Theodor Storm

Der deutsche Dichter Theodor Storm aus Drucktypen gesetzt (© Knöchelmann)

Weihnachtsabend | Theodor Storm

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
»Kauft, lieber Herr!« Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
»Kauft, lieber Herr!« den Ruf ohn Unterlaß;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

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