Tag: Lesen

Ein Junge schläft ein | Simon Chorchill

Ein Junge schläft ein von Simon ChorchillUrsprünglich erschien diese Miniatur von Simon Chorchill im Blog Parham & Cole. Sie ist zu gut, um sie dort zu belassen; sie ist zu kurz für tl;dr, aber zu nachhaltig, als dass man sie vergäße. Ein Junge schläft ein, im LePublikateur Literaturkanon.

Ein Junge schläft ein

Auf dem Weg nach Hause sitze ich im Bus, Linie 6, und die Welt und die Stadt um mich rum ist ein riesiges Aquarium. Keine großen Fische.
Es ist nicht mehr weit bis zum Abendbrot, bis ich keinen sehen muss, den ich nicht sehen will. Der Ort an dem ich einschlafen möchte, um aufwachen zu müssen, ist gleich um die Ecke. Wir sind fast an der Haltestelle, als der Bus langsamer wird. Ich schau müde aus dem Fenster.
Ich sehe eine Werbetafel mit Schülern, die sich auf die Ferien freuen und vor einem strahlend blauen Himmel stehen. Daneben winkt ein erwachsener Mann dem Busfahrer zu. Er telefoniert dabei. Seine freie Hand versucht mit ein paar Bewegungen dem Fahrer anzudeuten langsamer vorbeizufahren. Es sieht so aus als würde er versuchen den großen Bus beruhigen zu wollen. Aber der ist ganz ruhig, genau wie ich. Ich will nur nach Hause.
Langsam fühle ich mich unwohler, etwas oder jemand stimmt nicht. Ich muss hinsehen.
Der Mann ist nicht alleine, zwei Autos parken auf dem Bürgersteig. Das dürfen sie nicht. Andere Menschen, eine Frau, noch ein Mann und noch eine Frau hocken um etwas herum.
Jetzt sehe ich ihn. Ich sehe den Jungen. Er hat eine Kapuze auf, aber kann sein Gesicht nicht mehr verbergen. Seine Augen sind geschlossen, er bewegt sich nicht. Ganz schlaff liegt sein Körper halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Straße. Die Männer und Frauen halten ihn fest und reden mit ihm, aber er kann nichts hören. Sein Fahrrad liegt ein paar Meter weiter weg, bewusstlos.
Der Bus hält an und ich steige aus. Dann fährt er weiter.
Ich gehe an der Gruppe vorbei und weiß, dass ich nicht fragen werde ob ich helfen kann. Ich werde denken, ich kann nichts mehr tun, sie werden einen Krankenwagen gerufen haben. Es sind genug Leute anwesend, die helfen. Ich kann nichts tun, außer versuchen nicht hinzusehen, als sei ich bloß neugierig. Das sollen sie nicht denken, niemand soll das.
Aber ich schaue nochmal hin bevor ich um die Ecke biege, dort wo ich wohne, wo ich hin will.
Ein wenig später gehe ich die Treppen hoch und höre einen Krankenwagen. Nicht den Wagen, aber die Sirene.
Kleiner Junge, denke ich, komm wieder. Ich denke, kleiner Junge, wenn du einschläfst, dann komm wieder und hab ein Auge auf meine Nachbarschaft.

 

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Literatur zwischen den Jahren – Goodbye Schabernack

Die Adventszeit ist vorbei, die fette Weihnachtsgans vertilgt und die Geschenke überreicht. Wer sich nicht mit den zahlreichen Bilanzen und Jahresrückblicken zufrieden geben will, kann hier noch einmal die beliebtesten Türchen des LePublikateur Adventskalenders nachverfolgen – Literaturgeleit von Lesern erlesen. Gleichzeitig gibt Eusebius Schabernack – der Kopf hinter den Türchen – die Tastatur ab, bis er 2014 wieder die Literatur und ihre Medien mit Humor auf den Bildschirm bannen wird.

Die besten Artikel: Am meisten geklicktLePublikateurs Adventskalender

Am meisten geklickt wurde das 13. Türchen: Aus dem Leben eines Buchhändlers (zum Artikel). Die Pannen und Tücken des Buchhändlerjobs sind insbesondere Buchhändlern selbst Freud und Leid. Dieses im Geschäft und jenes in den zahlreichen Foren und Facebookgruppen, in denen der unwissende Kunde aufs Korn genommen wird.

Die dichten Folger sind das erste und das vorletzte Türchen. Sie behandeln bedeutende erste Sätze (zum Artikel) und deren Pendants letzter Sätze der Literatur (zum Artikel). Vertreten sind hier grimmige, poetische, kraftvolle und stille Beispiele aus der Weltliteratur – mit einem Schriftsteller, der Anfang und Abschluss einbringt.

Auch oft geklickt: Die kurzweilige Geschichte des E-Books in 111 Wörtern (zum Artikel) – Glanzstück der Geschichtsschreibung und bibliophil-digitales Manifest in einem.

Literatur zwischen den Jahren

Weitere empfohlene Artikel sind:

Eine Klasse für sich: Die LePublikateur Typoeten

Die LePublikateur Typoeten haben besonderen Anklang gefunden. Im Adventskalender sind insgesamt fünf Typoeten erschienen. Hier finden Sie noch einmal alle versammelt – gerne weiterverwenden!

Literatur zwischen den Jahren: Typoeten

Literatur zwischen den Jahren: Typoeten

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Charles Dickens Christmas Carol | Das 24. Türchen

Das Ende des literarischen AdventskalendersSie haben Ihr Ziel erreicht: Mit dem 24. Türchen endet der literarische Adventskalender und Weihnachten darf genossen werden. All die schönen Bücher, die beschriebene Besinnlichkeit und Lesezeit warten nun. Das Türchen offenbart außerdem unseren letzten Typoeten für dieses Jahr: Charles Dickens. Es gäbe wohl keinen Dichter, der an Weihnachten besser passte.

Charles Dickens Weihnachtslied in Prosa

Charles Dickens als Typoet

Charles Dickens als Typoet

Charles Dickens Weihnachtsgeschichte ist der Klassiker unter den Erzählungen, die zu Weihnachten vorgelesen, gesehen oder nacherzählt werden. Es gibt sie in zahlreichen Varianten, von Hörspielen über Bühnenfassungen bis hin zu Filmen – und selbstverständlich in verschiedenen Übersetzungen das Buch selbst. Wo der Geschmack die Geister scheiden mag, bleiben sich alle, die die Geschichte kennen, bei einer Sache gleich: A Christmas Carol ist Literatur, die zeitlos schön ist.

Ebenezer Scrooge und Weihnachten

Die drei Geister, die den Kauz und Menschenhasser Ebenezer Scrooge heimsuchen, haben sich in vielen Köpfen festgebrannt, seit sie die Geschichte hörten.  Dabei ist oft noch nicht einmal bekannt, dass Charles Dickens hinter diesem Werk steckt. Jedoch lohnt es sich, einmal die Originallektüre zu lesen. Sie ist weder ausladend noch langatmig und schon gar nicht penetrant weltverbessernt. A Christmas Carol betört durch die geradlinige Erzählung und lebt durch die lebendige Sprache, in der Dickens all seinen Werke zu verfassen wusste.

Und wenngleich diese Beschreibung überholt klingt, hier trifft sie passend: Das Werk hat nicht an Aktualität verloren. Der Groll der Gesellschaft auf sich selbst scheint nur gewachsen zu sein. Wie jedes Jahr bleibt zu hoffen, dass die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht zum Mahnen erscheinen. Wenn nicht real, dann doch wenigstens gedruckt.

LePublikateur wünscht ein frohes Weihnachtsfest!

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Letzte Sätze in der Literatur | Das 23. Türchen

Literaturgeschichte zur AdventszeitDas 23. Türchen untersucht das Pendant zum Anfang des LePublikateur Adventskalenders: Letzte Sätze in der Literatur. Während der Beginn von Romanen den Leser in die Geschichte wirft, holt das Ende ihn nicht zwingend wieder heraus. Vielmehr liegen in den letzten Sätzen ganz eigene Schätze, die eine Vielzahl von Deutungen und Fragen nach sich ziehen; und die mitunter die sprachlich schönsten Stellen des Buches überhaupt sind. Achtung Spoiler…

Die Schönheit im Abgang

Am Anfang ist das Wort, dann kommt die Erzählung und am Ende das Schöne. Philip Roths Romane definieren sich hauptsächlich durch ihren Inhalt und die direkte Sprache. Seine Größe liegt jedoch mindestens genauso in der schönen Formulierung; wahrscheinlich, weil sie so direkt ist, dabei aber auf nichts verzichtet. So kommt es in ‘Jedermann‘ nach einer schlichten, aber vernichtenden Parabel zu dem grandiosen Schlussakkord: “Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn.”

Sprachlichen Schwung und Schliff wie diesen kennt man sonst hauptsächlich aus der Lyrik. Hier liegt in jedem Werk – und in jedem Wort und Satz darin – eine Kraft und Überzeugung, die bei Romanen allzuoft vermisst wird. So steht ‘Schubertiana‘ von Tomas Tranströmer beispielhaft für eine Gattung, die im Kleinen eine große Renaissance entwickelt. Die Schubertiana endet mit ewigem Nachhall:

“Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.”

Dem Leser Hausaufgaben mitgeben

Poetisch endet auch ‘Faserland‘ von Christian Kracht. Der Roman, der als Höhepunkt und Ende der Popliteratur gefeiert wird und im Grund doch nicht in dieses Genre passt, gibt dem Leser Hausaufgaben auf, wenn der Erzähler in Zürich mit den Worten endet: “Ich steige ins Boot und setze mich auf die Holzplanke, und der Mann schiebt die Ruder durch diese Metalldinger und rudert los. Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald.”

Imposant schließt dagegen der ‘Zauberberg‘. Nachdem in sieben Teilen die Welt analysiert, philosophische Betrachtungen abgewogen und in unzählbaren Metaphern und Symbolen der Mensch und sein Dasein positioniert wurden, bricht der Erste Weltkrieg herein und zerstört die teuer erlesene Menschlichkeit. Die Frage bleibt, was Leben ist und ob es sich jemals wieder aus den Trümmern erheben werde; aus den Trümmern der Schlachtfelder, die Hans Castorp verschlingen: “Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?”

Letzte Sätze bei LePublikateur

Der überragende letzte Satz kommt von Lew Tolstoi

Mit ähnlich biblischer Wucht schließt auch ‘Moby Dick‘. Die Welt ist die gleiche, nach 1.000 Seiten Walfang. Aber der Leser ist es nicht, nachdem ihm Ahab, der weiße Wal, Starbuck und Elias begegnet sind. Wenn sich dann die Wogen der Wellen glätten, bleibt einer zurück, um der Nachwelt zu berichten. Ismael, der damit abschließt: “Am zweiten Tage stand ein Segel auf mich zu, kam näher und nahm mich auf. Es war die umherirrende Rachel – auf der Suche nach ihren verschollenen Kindern fand sie nur eine weitere Waise.”

Der letzte Satz als echter Abschluss

Zum Schluss bleibt nur der eine Satz, der das Kapitel über die letzten Sätze beenden kann; aus dem Roman, der auch schon den wichtigsten ersten Satz lieferte: ‘Anna Karenina‘. Lew Tolstoi lässt Lewin über sein Leben nachsinnen. Nachdem diesem im Laufe seiner Heldenreise die Schönheit der Natur, der Kommunismus, der Mensch als Feind und der Mensch als Freund begegnet sind; und er sich der Prüfungen unterziehen musste, Menschen zu führen und um Menschen zu werben; bricht über ihn letztendlich doch das Glück herein und er erkennt einen Sinn, der eigentlich in jedem Leben stecken sollte:

“Und mag ich auch in Zukunft bleiben, wer ich bin: ausfahrend gegen den Kutscher, unbedacht im Gespräch mit den Freunden, das heiligste meiner Seele verschliessend vor anderen, selbst vor ihr, die mir am nächsten steht, mag ich sie strafen wollen für meine eigene Angst und es hinterher bereuen, mag ich zweifeln an meinem Gebet und doch fortfahren zu beten – von nun an, weiß ich, wird mein Leben, wie immer es sich gestalten möge, doch niemals mehr zwecklos sein können wie bisher.Sondern es wird haben, was ihm fehlte, den unzweifelhaften Sinn, der es in jedem seiner Augenblicke über sich selbst hinaushebt: den Sinn des Guten, den hineinzulegen in meiner Macht steht.”

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Alltägliche Sehnsuchtsliteratur | Das 18. Türchen

Sehnsuchtsliteratur im AdventZum 18. Türchen des LePublikateur Adventskalenders entdecken wir den Alltag. Oder eher: Wie Bücher uns ihm entreißen. Sei es als lautes Auflachen in der Tram zur Arbeit oder abends im Bett die plötzliche Sehnsucht, Drachen zu töten. Es sind diese Bücher, deren Handlung einen über die eigentliche Lektüre hinaus beschäftigt. Literatur, die nicht nach ihrer Größe gemessen wird, sondern wie sehr sie den Leser verwirrt, mitnimmt und berührt.

Schachbrett-Träume in Marzipanhülle

Ein Verrat, den man nicht kommen sah. Das Auftauchen einer unheimlichen Figur, die einen nachts nicht mehr ruhig schlafen lässt. Oder der Verlust eines geliebten Charakters, der einen fassungslos und in Tränen aufgelöst zurücklässt, Tage nachdem man das Buch beendet hat. Der Alltag ist hinüber: Mit einem Seitenwechsel ist die ganze Welt zusammengebrochen!

Dramatisch kann es schon im Kleinen sein, wenn ein Gebäck die Träume befällt: Battenbergkuchen. Benannt nach einem hessischen Adelsgeschlecht, dessen Wappen der Kuchen mit seinem Schachbrettmuster in weiß und rosa widerspiegeln soll, scheint er heute vor allem in zeitgenössischer britischer Unterhaltungsliteratur vorzukommen. Darin kann dieser famose Biskuitteig in Marzipanhülle dermaßen verführerisch werden, dass man selbst backen muss, um sich wie Lady Alexia zu fühlen. Und erst nachdem der letzte Krümel verschlungen ist, kann das Leben weitergehen.

Sehnsuchtsliteratur: Grausame Zerstörung jeder Ordnung

Sehnsuchtsliteratur

Schlafende Löwen weckt man nicht (© Knöchelmann)

Klassiker sind natürlich die kleinen Pannen, die einem unterlaufen: Etwa Personen mit Charakteren aus Büchern vergleichen und beide dann untrennbar verschmelzen lassen, auf dass im Kopf der Kollege immer Dr. Watson bleibt. Oder das plötzliche Auflachen, das alle Aufmerksamkeit der Umgebung auf den Leser zieht oder einfach einen selbst auf dem heimischen Sofa erschreckt.

Oder es ist diese Stelle in diesem Buch, die einem einfach keine Ruhe mehr lässt. Weil da jetzt der Löwe liegt und das Tor bewacht und mein Held keine Lösung hat, an ihm vorbeizukommen. “Ich muss da jetzt hin und helfen…”

Sehnsuchtsliteratur ist auch all das, was von den fremden Orten erzählt. Die Stätten der Welt, die man einfach gesehen haben muss, weil sich die großen Geschichten dort abspielten. Warykino, Atlantis, Mittelerde, Alices Wunderland… Es gibt so viel zu sehen und man steckt in diesen Wänden fest. Zum Glück gibt es sie, die Bücher, die uns die Sehnsucht nach der Welt entfacht.

 

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Der Hobbit | Das 17. Türchen

Literaturgeleit in der AdventszeitAus aktuellem Anlass widmen wir das 17. Türchen des LePublikateur Adventskalenders dem kleinen Hobbit. Mit seiner Geschichte beginnt eine fantastische Reise, die vier Bücher und unzählige Abenteuer später, sein glückliches Ende findet. Eine Reise, die seit Erscheinen zahlreiche Generationen begleitete, zu Tränen rührte und vor Spannung erzittern ließ. Nun dürfen wir den zweiten Teil der Fantasysaga multimedial erleben.

Der Hobbit: Bilbo Beutlin von Beutelsend

Der Hobbit und der Herr der Ringe

Die wichtigsten Geschichten aus Mittelerde

In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit.” So schlicht wie der Beginn des Buches anmutet, war er zu Anfang auch konstruiert. Die Entstehungsgeschichte ist wohl jedem bekannt, der dem Hobbit einmal zu nahe kam. J. R. R. Tolkien erzählte seinen Kindern die Abenteuer von Bilbo und den Zwergen als Gutenachtgeschichten. Seine Arbeit als Sprachwissenschaftler hielt ihn bald nicht mehr so sehr auf Trab, sodass er die Reise vom Auenland zum Einsamen Berg niederschrieb.

Seit der bald folgenden ersten Veröffentlichung der Hobbit- und Herr der Ringe-Geschichten befassen sich Literaturwissenschaftler, Philosophen und ganze Bevölkerungsgruppen mit den Motiven und Symbolen, die in den Werken verarbeitet wurden. Sprachen, Länder, Historien – alles hat Tolkien erschaffen, um der Mittelerde-Fantastik die nötige Aussagekraft zu geben. Und um so zu erreichen, dass die Leser sich verlieren können in den weiten der Länder und Herrschaften, in den Völkern Mittelerdes und deren Sprachen.

Die Geburt der populären Fantasy: Gewinner gibt es nicht

Wenn der Leser wieder auftaucht, ist er um einige Erfahrungen reicher; Erfahrungen, die einem nur wenige Bücher bieten können. Tolkiens Bücher rund um Mittelerde können es. Denn im Mittelpunkt der Geschehen stehen die Geschöpfe, die Entscheidungen erzwingen und so den Verlauf der Geschichte bestimmen. Geschöpfe, die all die Eigenschaften von uns Menschen widerspiegeln, die guten und die schlechten. Geschöpfe, die versuchen, dieses Gute und Schlechte in der Waage zu halten. Hobbits, die einen Weg finden, das zu erreichen.

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Schauerliteratur: Faszinierender Horror | Das 16. Türchen

Literarischer Adventskalender mit SchauerliteraturDas 16. Türchen des LePublikateur Adventskalenders eröffnet die Welt zur Schauerliteratur. Sie ist bedeutend mehr als nur Groschenroman und reicht weit in die Literaturgeschichte zurück. Das macht sie aber nicht zu einem alten Schinken. Viele der aktuell umsatzstärksten Genres fußen auf der klassischen Schauerliteratur – und der Atmosphäre, die sie umgibt. Denn die Literatur ist oft nur Darstellung einer möglichen Gegenwart.

Traum und Albtraum der Romantiker

Angst und Schrecken zu verbreiten, ist heute ein Kinderspiel. Schockmomente, blutrünstige Auftritte oder schon das Poltern und Zischen eines Dampfkessels können sowohl in Filmen als auch in Büchern für anhaltende Spannung sorgen. Wenn dem Schöpfer der Horror gut von der Hand ging, reicht die Angst noch weit über das Werk hinaus; bis nachts, im dunklen Zimmer, wenn irgendwo ein Zweig an einem Fenster kratzt, dann droht das vermeintlich sichere Bett rasch eine ungemütliche Opferstätte zu werden.

Schauerliteratur - Großartige Zeitzeugen

Schauerliteratur – Großartige Zeitzeugen (© Titel der jeweiligen Verlage)

Gerade der Winter lädt dazu ein, Klassiker des Genres (und seiner Randgebiete) wieder zu entdecken. Es lohnt sich, dort anzufangen, wo der Schauerroman in weite Leserkreise gelangte: bei Mary Shelleys ‘Frankenstein’. Das von Viktor Frankenstein erschaffene Monster behandelt gleich das Dilemma, dass so oft zum Sujet des Schauerromans wurde; der Eingriff des Menschen in die Natur mit der daraus resultierenden Zerstörung. Dabei ist es nicht die Natur, die zerstört, sondern der Mensch selbst, der dem erschaffenen Wesen Vorbild und Spiegel ist. Auch H.G. Wells bedient sich dieses Themas und schuf daraus den Horrorklassiker ‘Die Insel des Dr. Moreau‘.

Schauerliteratur als Spiegel der Wirklichkeit

E.T.A. Hoffmann beschreibt in ‘Der Sandmann‘ einen ähnlichen Eingriff in die Natur: Eine Puppe geht unter die Lebenden und verdreht Nathanael den Kopf. In den Augen erkennt er die Maschinerie des Bösen und kann sich trotzdem nicht lösen, bis er an dem Geschöpf zu Grunde geht. Der Sandmann ist mit zahlreichen Motiven der wohl vielschichtigste Roman seiner Art. Augen, Feuer, Leben, Liebe, Aufklärung, Romantik, Horror; was der arme Nathanael nicht alles ertragen muss.

Auch heute noch gibt es Horror als Schauer, fernab aller Blutrunst. Der Künstler Ror Wolf etwa schuf ein faszinierend schönes Buch bei Schöffling & Co. ‘Die Vorzüge der Dunkelheit’ bietet mit heute ungewöhnlichem Sprachgebrauch eine Fantastik, die aufwühlt und länger die Gedanken umtreibt als ein Halloween-Blockbuster. Sei es wegen der schönen Collagen im Buch; oder aber: wegen der Nähe zur Realität, die einem bisweilen die eigene Sprache verschlägt:

“Einige Jahre später sah ich zum Fenster hinaus und bemerkte, dass ich mich in einer ganz anderen Gegend befand. Vielleicht war ich im Norden von Nord-Amerika, das ist möglich. Das Land war von Wäldern bedeckt und mit dunklen gefräßigen Tieren gefüllt. Die Bewohner hielten sich weit entfernt voneinander auf. Man sah sie stehen, einzeln, in großen Abständen, stumm.” (S. 270)

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Poetische Pseudonyme | Das 15. Türchen

Literarischer Advent - Poetische PseudonymeZum dritten Adventssonntag öffnen wir ein Türchen zu poetischen Pseudonymen. Was sich zu Schulzeiten noch wie eine schlimme Verhaltensstörung anhörte, bedeutet für die Literatur ein unterhaltsames Paralleluniversum. Viele große Dichter tarnten sich mit Kunstnamen, um zu verschleiern wer sie wirklich waren – aus Angst vor mordlustigen Lesern, wegen besserer Verkäuflichkeit oder einfach, weil es sich leichter merken lässt.

Pseudonyme als Gewand

In Zeiten von Krieg und Diktatur sind untreue Schriftsteller Dornen am Gewehrlauf der Oberen. Gefährlich wird es jedoch, wenn die spitze Feder zugeordnet werden kann. Anlass genug, ein Gewand zu schnüren, dass das geschriebene Wort weit vom Dichter fortweist. Pseudonyme als Schutzhülle haben einigen Autoren die Möglichkeit zur Publikation gegeben, womöglich ihr Leben gerettet und der Nachwelt kritische Literatur von Rang hinterlassen.

Pseudonyme als Deckmantel

Pseudonyme – Den Dichter verschleiern

Unter den Gewändern sind etwa Berthold Bürger (Erich Kästner), Peter Panther, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel (alle von Kurt Tucholsky) oder Hans Fallada (Rudolf Ditzen). Rein geschichtlich sind erdachte Autorennamen allerdings nicht. Unter dem Namen Yasmina Khadra erscheinen beispielsweise die Romane von Mohammed Moulessehoul.

Anders, aber doch als Mantel gegen widrige Umstände, wirken die Decknamen von Dichterinnen, die nicht Dichterinnen sein durften oder von jenen Schriftstellern, die durch einen neuen Namen ihrer Herkunft und Heimat entfliehen wollten. Da sind etwa George Eliot (Mary Ann Avans), Ellis und Acton Bell (Emily und Anne Brontë), Pablo Neruda (Neftalí Ricardo Reyes Basoalto), A Lady (Jane Austen) oder Jack London (John Griffith Chaney).

Ein Pseudonym für die Literatur

Es gibt auch unbekannte Pseudonyme…

Nom de plume

Angeblich ohne Sinn oder zumindest mit umstrittenem Hintergrund sind die Pseudonyme zahlreicher weiterer Dichter. Joachim Ringelnatz etwa hat nach Aussagen des Dichters selbst überhaupt keinen Sinn. Das heißt natürlich nicht, dass Hans Böttichers Name nicht durch alle Mangeln gezogen wird.

Gut verkäuflich sind Pseudonyme selbstverständlich auch: Man kann besser vom gestandenen Werk ablenken. Richard Bachman ist so ein Fall (Stephen King). Oder Robert Galbraith (Joanne K. Rowling). Während King jedoch Jahre verdeckt publizierte, dauerte die Entlarvung bei der Potter-Schöpferin keine drei Monate.

Es gibt allerdings auch Noms de plume, die selbst Kunst geworden sind. Sie sind nicht bloß Namenshülse, sondern untrennbar mit der Literatur dahinter verwoben. So etwa (unter anderem) Voltaire (Francois Marie Arouet), Janosch (Horst Eckert), Novalis (Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg), Mark Twain (Samuel Langhorne Clemens) oder Stendhal (Marie Henri Beyle). Und was wäre Janosch ohne Janosch oder Stendhal ohne Stendhal…

 

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All die schönen Bücher | Das 14. Türchen

Adventskalender - LiteraturkalenderMit dem 14. Türchen öffnen die Ladengeschäfte zur traditionell umsatzstärksten Woche. Dem stationären Einzelhändler werden die Regale leergefegt, beim Onliner glühen die Server, die Picker picken, die Packer packen und alle Buchhändler verkaufen fleißig noch Non-Book-Nippes dazu. Nur wie hält es der Leser mit dieser Titelflut? Gedanken zum Bücherkauf von Eusebius Schabernack:

Bücher  – tolle Geschenke, einfach von der “Liste” auswählen

Bei Amazon ist es angeblich der 16. Dezember – beim stationären Handel eher die letzten zwei Samstage vor Weihnachten: Die höchste Umsatzspitze (außerhalb dieses famosen Geschäfts mit den Schulbüchern). Literatur wird fast als Meterware rausgehauen. Der Spiegel bestimmt was geht; das Buchjournal natürlich, Druckfrisch für die ganz Interessierten, ein paar Nachwehen der Renner aus Frankfurt sind auch drin. Im Wesentlichen aber bestimmt nicht der Leser, was unter seinem Weihnachtsbaum liegt. Es ist der Schenkende, der ziellos draufloskauft. Dabei gibt es all die schönen Bücher.

Bücher im Stapel

Ein klassischer “zu lesen”-Stapel

Natürlich gibt es die tapferen Buchhändler, die lebendige Wegweiser sind. Sie führen durch den Dschungel aus Neuerscheinungen und Bekanntmachungen. Die guten entlarven sogar trügerische Versprechungen aus Klappentexten und geleiten den interessiert wirkenden Suchenden in die hinteren Ecken der Läden; dorthin, wo die großen Werbebanner nicht hinreichen. Doch es bleibt beim Käufer und ob er wirklich willens ist, die Entscheidung für ein gutes Buch in die Hand zu nehmen.

Wechselseitig reizend

Es Bedarf der Willenskraft des Käufers, Geld zu bündeln und abseits all der glückseligen Verlautbarungen zu investieren. Es ist nicht die Masse, die glücklich macht. Es Bedarf nicht dreier Taschenbücher – damit man nichts falsch machen kann. Schon gar nicht sieben E-Books zum minimalen Preis.

Es ist vielmehr das eine Buch, das gefunden werden will; den Nerv, den es zu treffen gilt. Ein Buch, das lange Jahre begleitet, weil es so schön ist, dass man es immer aus dem Regal nehmen will; das man wieder liest, weil die Geschichte nicht an Reiz verliert; das den Leser erinnert: damals, dieses Weihnachtsfest las ich Roth, Stendhal, Yancey, Knausgård, Chandler oder Dybek – und war so glücklich damit. Die Masse verliert den Reiz. Wenn du also an der Schwelle stehst und Geschenke kaufst, dann prüfe dich:

Will der Beschenkte das lesen?

 

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Das höchste aller Tiere – T.C. Boyles ‘Zähne und Klauen’

Zähne und Klauen

Zähne und Klauen (© Hanser Literaturverlag)

Dieser Artikel ist zuerst 2010 auf dem Blog “Chorchills Magazin” veröffentlicht worden.

Ich bin die Beute meiner Triebe, sagt ein Bettler in Brechts Dreigroschenoper. Mit diesem Ausdruck könnte man die Figuren in T.C. Boyles Kurzgeschichtenband Zähne und Klauen beschreiben. Beute ihrer Triebe. Gefangen und gelenkt von den großen Lastern des höchsten aller Tiere: Angst, Naivität, der Trieb zum Treiben und Trinken und Stumpfsinn. Und hat sich doch einmal jemand im Griff, versagt er spätestens vor der Naturgewalt. Von Marcel Knöchelmann

Nun hört sich das sehr nach Schwarzmalerei an. Doch war Boyles Blick auf die Gesellschaft noch nie durch Beschönigung verzerrt. Seine Geschichten sind nicht durch eine fortlaufende Reihe günstiger Zufälle gekennzeichnet. Es führt kein Happy End Stereotypen von prachtvoller Natur umgeben zum Glück. Zweifelsohne existiert diese Natur auch bei Boyle, doch birgt sie Gefahren. Reihen glücklicher Zufälle enden abrupt. Einem Happy End straucheln die Menschen, die es erreichen wollen -Suchende, Verlorene, Flüchtende und Feiglinge – entgegen und scheitern.

Pessimismus steckt jedoch nicht in den 14 Kurzgeschichten. Sie verblüffen durch Komik und unerwartete Wendungen. Von verschiedensten Menschen, auf verschiedenen Kontinenten, in mehreren Jahrhunderten erzählt Boyle in den Geschichten, mit gekonnt spannungsreichem Verlauf und fesselnder Atmosphäre.

Hundologie und Jubilation

Hundologie etwa beschreibt das Entdecken des natürlichen Lebens – zwischen Straßenhunden. Eine Wissenschaftlerin will theoretische Annahmen durch Feldforschung erproben und nimmt immer mehr das Verhalten der Studienobjekte an. Sie entzieht sich dadurch der sterilen Welt der Menschen und entfacht einen Konflikt. Die bodenständigen Bewohner wollen keine Frau, die nachts durch ihre Gärten streift und die Mülltonnen durchsucht. Ein gewissenhafter Zweifler will diesen Konflikt schließlich lösen. Er scheitert und landet im Schoß der verschmutzten aber attraktiven Hundedame.

Ähnlich stupide sind die Bewohner in Jubilation. In bester Lage in Florida baut eine Firma 1000 Häuser und Wohnungen und verlost diese. Glücklich sind die Gewinner – und schon bald nur noch eine zähe Masse: Alle kennen sich, ihre Häuser sind perfekt designt, die Regeln für ein gutes Miteinander von der Firma propagiert, Fehler quasi ausgeschlossen. Geht die Masse, gehen alle mit. Steht die Masse, geht eben keiner. Perfekte Tage werden am perfekten See verlebt. Undenkbar, dass da ein Leben durch ein wildes Tier aus eben solch einem See zerstört wird. Schließlich hatte doch die Firma alles bestens organisiert, alle Gefahren ausgelöscht.

Die Natur des Menschen

Ganz anders dagegen Chicxulub. Den Handlungskern bildet der Autounfall eines Mädchens und die Sorge der Eltern, die die Tochter letztendlich identifizieren müssen. Gespickt ist diese Erzählung allerdings mit der trockenen Schilderung eines Meteoriteneinschlags und dessen apokalyptischer Zerstörungskraft. Diese beiden Stränge sind so geschickt miteinander verwoben, dass sie sich gegenseitig geradezu anfeuern, mehr Tempo und Tiefe in die Geschichte zu bringen. Eine gewisse Angst breitet sich während der Lektüre aus. Ein leichtes Unwohlsein bleibt darüber hinaus bestehen – doch man ist froh, diese Geschichte gelesen zu haben.

T.C. Boyles Buch wimmelt von intelligenten Einfällen und breitet einen Teppich verschiedenster Fragen aus. Fragen, die sich der Gesellschaft zuwenden, aber auch ganz persönliche. Und die Antworten? Die liegen wohl in der Natur des Menschen.

T.C. Boyle
Zähne und Klauen
Hanser Literaturverlag, München, 2008
ISBN 978-3-446-20995-4

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