Eine Replik zum Grundsatzpapier des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Wissenschaftskommunikation

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat am 14. November 2019 das Grundsatzpapier des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Wissenschaftskommunikation veröffentlicht. In diesem Papier schreibt das BMBF von der Notwendigkeit, dass sich „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den öffentlichen Diskurs einbringen, über ihre Forschungsarbeit allgemeinverständlich kommunizieren und Zusammenhänge einordnen“. Hierfür soll das Papier eine Strategie beschreiben, mit der ein „Kulturwandel hin zu einer kommunizierenden Wissenschaft“ weiter fortgesetzt wird. So lobenswert „kommunizierende Wissenschaft“ auch ist, das BMBF schafft mit dem Papier weder Klarheit darüber, wie innerhalb der Wissenschaft zeitliche und finanzielle Ressourcen geschaffen und Kompetenzen aufgebaut werden sollen, noch warum externe Wissenschaftskommunikation direkt bei Wissenschaftlerinnen verankert sein muss. Noch dazu werden essenzielle Rahmenbedingungen der Wissenschaft an sich außer Acht gelassen. Sieben Kritikpunkte mit Gegenforderungen.

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1. Relevanz der Wissenschaft repräsentieren

Die Beachtung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Öffentlichkeit und insbesondere in der Politik muss zentrales Element eines Kulturwandels sein. Das BMBF wie auch andere Ministerien haben vermehrt bewiesen, dass sie als repräsentative Akteure wissenschaftliche Erkenntnisse bisweilen nur widerwillig in ihre Entscheidungen einfließen lassen. Zudem: Was die Fridays for Future-Bewegung fordert, ist nicht mehr Kommunikation bestehender Erkenntnisse, sondern eine bedingungslose Ausrichtung der Politik an ebendiesen. Ein Kulturwandel in der Kommunikation zu fordern, verschleiert, dass die Politik einen Kulturwandel hin zu mehr Orientierung an der Wissenschaft. Genau diesen Kulturwandel muss das BMBF forcieren.

2. Wissenschaft ist bereits Kommunikation

Wissenschaft, verstanden als das Zusammenspiel aus Forschung und Lehre, baut auf Kommunikation. Das Papier sieht Wissenschaftskommunikation lediglich als externe Wissenschaftskommunikation an, doch die beginnt zwingend bei guter interner Wissenschaftskommunikation. Ergebnisse aus steuerfinanzierter Forschung müssen zur Verfügung stehen – allen anderen Forschenden, Lehrenden, Lernenden und letztlich der Gesellschaft insgesamt. Das BMBF muss Open Access also endlich als Standard einfordern und hierfür die richtigen Weichen stellen. DEAL-Verträge, die Open Access als einen Luxus behandeln, den man sich leisten können muss, müssen vermieden werden.

3. Kommunikation dort fordern, wo die Kompetenz dafür vorhanden ist

Wissenschaftskommunikation soll „integrale[r] Bestandteil der BMBF-Förderung“ werden. Es ist fragwürdig, wie und warum Wissenschaftlerinnen die Organisation nicht wissenschaftlicher Kommunikation von fachspezifischen Erkenntnissen gewährleisten sollen. Wenngleich es hier Leuchttürme gibt, die dies hervorragend schaffen, wird es für die Masse an Wissenschaftlerinnen aufgrund mangelnder Ressourcen schwer. Denn die Translation von Fachdiskursen und Organisation von Kommunikation kosten Zeit, Geld und spezifische Kompetenz. Wissenschaftlerinnen sind Expertinnen ihrer Wissenschaft und leisten die Kommunikation in Forschung und Lehre, wo sie durch weitreichendes Prekariat und diskursfernen Publikationsdruck bereits belastet sind. Wohingegen zusätzliche finanzielle Mittel für die “Entwicklung einer Evaluationspraxis” und Citizen Science bereitgestellt werden, soll die Wissenschaft Wissenschaftskommunikation aus eigenen Mitteln stemmen. Anstatt Wissenschaftlerinnen zusätzliche Aufgaben aufzuerlegen, sollten viel mehr zwischengelagerte Expertinnen und Institutionen gefördert werden, die mit Zeit, Geld und spezifischer Kompetenz für ebendie Translation von Fachdiskursen und die Organisation von Kommunikation ausgestattet sind.

4. Fragliche Evaluation und Wirkungsmessung

Die „Evaluation und Wirkungsmessung“ der Maßnahmen soll ein zentraler Punkt der Strategie sein. Das Research Excellence Framework (REF) Großbritanniens, insbesondere die darin verankerten Impact Case Studies, die eine Wirkung von Forschung außerhalb der Wissenschaft evaluieren sollen, zeigt was solche Maßnahmen der Evaluation und Messung bewirken können. Neben bürokratischem Aufwand und zusätzlichem Druck durch Beweispflicht seitens der Wissenschaftlerinnen bewirkt sie vor allem den Anschein der Instrumentalisierbarkeit von Forschung. Solche Maßnahmen müssen daher – das REF als Negativbeispiel nehmend – ausgereift und wohldosiert implementiert werden, um zu vermeiden, dass ein Messinstrument zur Zielgröße wird. Das BMBF muss deutlich kommunizieren, wie das gelingen soll.

5. “PR für die Wissenschaft” in der Schule stärker verankern

Anstatt punktuell Forschung zu kommunizieren, muss “PR für die Wissenschaft” größer aufgefasst werden. Mehr Verständnis für die Arbeit von Wissenschaftlerinnen, die unbeständigen Wesen von Diskurs und Wissen oder die Auswirkungen von Forschung auf die Gesellschaft muss auf einem grundsätzlichen Auseinandersetzen mit der Wissenschaft fußen. Lediglich punktuelle Kommunikation erreicht bestimmte Bevölkerungsgruppen oft nicht. Eingliederung einer grundsätzlichen “PR für die Wissenschaft” in der Schulbildung ist ganzheitlich wirkungsvoller und setzt den Grundstein für späteres gesteigertes Engagement für und Anerkennung von Wissenschaft. Hierbei geht es nicht um Wissenschaft als Beruf oder das Wissen über einzelne Forschungsleistungen, sondern um die Befähigung, zu verstehen, was Wissenschaft leistet und wie es sich auf das Leben aller auswirkt. Die Stärkung dieser Maßnahmen muss Element eines Kulturwandels sein.

6. Wissenschaft ist mehr als technische oder Naturwissenschaften

Der Diskurs um Wissenschaftskommunikation verfestigt den Anschein, bei Wissenschaftskommunikation ginge es um Naturwissenschaften – Sciences im angloamerikanischen Gebrauch. Das ist falsch auf mehreren Ebenen. Zum einen setzt es kein Zeichen für die Relevanz der Sozial- und Geisteswissenschaften, die stets im öffentlichen Diskurs mit Kritik an ihrer Legitimität konfrontiert werden und in der Wissenschaftskommunikation vernachlässigt werden. Zudem bilden gerade diese Wissenschaften eine essentielle Brücke bei den vielbeschworenen gesellschaftlichen Transformationsprozessen, für die eine Ausweitung der Wissenschaftskommunikation positiv tragend wirken soll: Wo Brüche der Lebensweisen, fundamentale Veränderungen der Arbeit oder Verständnislosigkeit trotz (oder wegen) der Ubiquität von Medien und Meinungen herrschen, bedarf es der Methoden der Sozial- und Geisteswissenschaften. Mehr punktuelles Wissen über Technologien erreicht Grundinteressierte, aber schafft kein breiteres Verständnis für die scheinbar zermürbenden Entwicklungen, mit denen sich Individuen alltäglich konfrontiert sehen.

Eine Strategie zur Wissenschaftskommunikation muss aufzeigen, welche Rolle die Disziplinen der Sozial- und Geisteswissenschaften einnehmen sollen und wie die für die Transformationsprozesse notwendige Zusammenführung disziplinär getrennter Wissenschaften im Dialog zur Gesellschaft funktionieren soll. Und dies muss in der Balance erreicht werden, bei der die oft grundlagenorientierte Forschung insbesondere von Geisteswissenschaften nicht ob ihrer mangelnden Instrumentalisierbarkeit degradiert wird. Nicht-Instrumentalisierbarkeit bedeutet hier, dass Forschung keine direkten oder direkt sichtbaren Anknüpfungspunkte in der Gesellschaft hat. Dies darf sie nicht delegitimieren, erschwert aber eine Umsetzung im Zuge externer Wissenschaftskommunikation.

7. Das Paradigma leerer Exzellenz aus der Kommunikation verbannen

Im Leitbild wird angesprochen, dass „im Rahmen der wissenschaftlichen Selbstverwaltung bestehende Reputationslogiken unter Wahrung der wissenschaftlichen Exzellenz überdacht“ werden müssten und bezeugt damit die Ambivalenz ihrer Gesamtstrategie. Die Wissenschaft und insbesondere die Forschungskommunikation leiden fundamental unter der gegenwärtigen Reputationslogik, bei der das Management von Wissenschaft ihren Inhalten vorrangig ist. Die „Wahrung der wissenschaftlichen Exzellenz“ ist ein diesem Management entsprechendes Statement, das symptomatisch für die Forcierung eines Exzellenzparadigmas steht und Wissenschaft, die ihren disziplinären Maßstäben entsprechend gut ist, in keiner Weise hilft. Gute Wissenschaftskommunikation muss schon hier ansetzen: Wie über Wissenschaft diskutiert wird, welche Ziele und Anreizmaßnahmen gesetzt werden und mit welchem Paradigma so Wissenschaft reflektiert wird, muss wissenschaftsförderlich sein, anstatt ein Ausrichten an fadenscheiniger Exzellenz in allen Elementen zu reproduzieren. Nur scheinbar hat das Thema Exzellenz nichts mit Wissenschaftskommunikation zu tun, denn das BMBF spricht von nichts weniger als dem Kulturwandel und das BMBF muss hier ihre eigene Kommunikation ändern, um einem Kulturwandel als Vorbild für den Wissenschaftsstandort Deutschland zu dienen. Das fängt ganz bestimmt dort an, wo Wissenschaft hingesteuert werden soll. Die Mär von einer Exzellenz sollte das nicht sein.

 

Hintergrund der Kritik

Einen Kulturwandel schafft man kaum durch mehr Kommunikation. Wo das BMBF fordert, dass sich ein bereits begonnener Kulturwandel fortsetze, stellt sich die Frage, welche Kultur im Speziellen sich wandeln solle: Anscheinend die der Wissenschaft, die nun kommunikativer sein soll. Dabei sehe ich sowohl die Bedingungen dieses Wandels als auch ihren Sinn kritisch. Aus diesen Gründen greift meine Kritik des Grundsatzpapiers auch jene Punkte auf, die dem Papier nur implizit sind.

Beispiele hierfür sind Open Access und die Reputationslogik. Es ist fragwürdig, warum ein Papier zu „WissKomm“ lediglich auf externe Wissenschaftskommunikation abzielt, wo Kommunikation doch nicht so hermetisch abgeschlossen funktioniert. Für eine gelingende externe Wissenschaftskommunikation ist die standardisierte Zugänglichkeit aller Forschungspublikationen, also Open Access der internen Wissenschaftskommunikation, zweifelsfrei wünschenswert. Denn Journalismus und auch die interessierte Öffentlichkeit können sich dann am besten mit Forschung auseinandersetzen, wenn diese ohne Barrieren zugänglich ist.[1] Dies sollte mittlerweile Standard sein, ist es aber nicht, da an der überholten Reputationslogik festgehalten wird, also Publikationsmarken relevanter sind als die Zugänglichkeit zu Publikationen.

Wo nun das Papier sagt, es wolle diese Logik brechen, bleibt es beliebig, wie dies erreicht werden soll. Die technischen Möglichkeiten sind seit Jahren vorhanden, aber statt eines Vorstoßes bleibt es wieder bei unscharfem Instrumentarium. Dabei ist es fragwürdig, ob irgendein Mittel, das lediglich an der Kommunikation herumdoktert – die externe oder die interne Kommunikation betreffend – je erfolgreich sein wird. Nach Jahrzehnten solcher Unterfangen hat sich gezeigt, dass Reputation das treibende Mittel der Macht in der Wissenschaft ist. „WissKomm“ wird hieran nichts ändern, aber vielmehr noch den Wissenschaftlerinnen, insbesondere den jungen, ein alternatives Druckmittel aufbürden, wenn es verpflichtend ist. Denn zusätzliche Ressourcen, so die Ministerin, würden der Wissenschaft hierfür nicht bereitgestellt. Wenn nun eine bürokratische Angabe vorgibt, „WissKomm“ sei karriererelevant, wird dies nicht außer Kraft setzen, dass Netzwerke und Reputation über die meisten Karrieren bestimmen.

Meine Kritik setzt sich fort, wo der Sinn von mehr Kommunikation hinterfragt wird. Was bewirkt die punktuelle Kommunikation von Forschung? Wie sind Sozial- und Geisteswissenschaften eingebunden? Und wie schafft Wissenschaftskommunikation, insbesondere für Disziplinen der letzteren Gruppe, den schwierigen Spagat, Verständnis für und Interesse an der Forschung aufzubringen, ohne sie zugleich in den Augen der Öffentlichkeit in Missgunst zu führen?

Die Frage, wofür Geisteswissenschaften notwendig seien und warum es ihnen erlaubt sei, sich in Elfenbeintürmen zu verschanzen, ist oft anzutreffen außerhalb akademischer Institutionen wie auch innerhalb in nicht-geisteswissenschaftlichen Bereichen. Hier spielt die Auffassung mit hinein, die Geisteswissenschaftlerinnen, etwa Philosophinnen, kommunizierten ihre Forschung nicht klar und hätten auch kein Interesse daran, dies zu ändern. Dies fußt auf der Annahme, da Philosophinnen sich für ihre Forschung der deutschen Sprache bedienten, müsste diese Forschung für all jene auch verständlich sein, die der deutschen Sprache mächtig sind. Dass dies äußerst abstrahierte, spezifische, philosophische Fachsprache ist und somit nicht grundlos nicht allgemeinverständlich, wird außer Acht gelassen.

Kaum jemand käme auf die Idee, dieses Maß etwa an die Physik anzulegen, auf dass diese doch bitte ihre Formelexistenz bleiben ließe und in allgemeinverständlicher Sprache kommunizierte. Dies bedarf einer Translation und diese ist bei vielen Forschungsvorhaben an sich erstmal äußerst fragwürdig. Gesellschaftlicher Progress, Verständnis für die Forschung und politisch-normative Ausrichtung an Forschungsergebnissen bedingt nicht eine direkte Translation, sondern fußt auf sehr viel langfristigeren Prozessen, die insbesondere damit beginnen, dass das etablierte politische System sich durch ihre Praxis zur Wissenschaft bekennt. Das spricht nicht gegen wissenschaftskommunikative Aktivitäten; diese dürfen aber nicht über grundsätzliche Mängel hinwegtäuschen, schon gar nicht, wenn von einem Kulturwandel die Rede ist.

Wissenschaftsverständnis braucht Grundlegenderes als mehr Kommunikation und kommunikative Aktionen müssen mehr sein als Translationen von Forschung. Die Forderung nach einem Kulturwandel muss dementsprechend tiefgreifender ansetzen. Falls nicht, bleibt kaum mehr als kommunikativer Aktionismus.

[1] Ein passendes Negativbeispiel ist das neu erschienene Handbuch Science Communication (De Gruyter, Dez. 2019), dass wohl Mittel, Wege und den aktuellen Forschungsstand zur Wissenschaftskommunikation aufzeigt, jedoch für nicht Institutionalisierte – also weite Teile der Öffentlichkeit – kaum erreichbar ist aufgrund der kostenintensiven Barriere von €199,95. So werden es nicht Institutionalisierte schwer haben, an der Kommunikation von Forschung teilzuhaben.

 

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Marcel Knöchelmann | marcel.knochelmann.15 [at] ucl.ac.uk

Der Autor ist Gründungsmitglied des Netzwerks Wissenschaftspolitik von SozialdemokratInnen.

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