Literaturgeschichte zur AdventszeitDas 23. Türchen untersucht das Pendant zum Anfang des LePublikateur Adventskalenders: Letzte Sätze in der Literatur. Während der Beginn von Romanen den Leser in die Geschichte wirft, holt das Ende ihn nicht zwingend wieder heraus. Vielmehr liegen in den letzten Sätzen ganz eigene Schätze, die eine Vielzahl von Deutungen und Fragen nach sich ziehen; und die mitunter die sprachlich schönsten Stellen des Buches überhaupt sind. Achtung Spoiler…

Die Schönheit im Abgang

Am Anfang ist das Wort, dann kommt die Erzählung und am Ende das Schöne. Philip Roths Romane definieren sich hauptsächlich durch ihren Inhalt und die direkte Sprache. Seine Größe liegt jedoch mindestens genauso in der schönen Formulierung; wahrscheinlich, weil sie so direkt ist, dabei aber auf nichts verzichtet. So kommt es in ‘Jedermann‘ nach einer schlichten, aber vernichtenden Parabel zu dem grandiosen Schlussakkord: “Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn.”

Sprachlichen Schwung und Schliff wie diesen kennt man sonst hauptsächlich aus der Lyrik. Hier liegt in jedem Werk – und in jedem Wort und Satz darin – eine Kraft und Überzeugung, die bei Romanen allzuoft vermisst wird. So steht ‘Schubertiana‘ von Tomas Tranströmer beispielhaft für eine Gattung, die im Kleinen eine große Renaissance entwickelt. Die Schubertiana endet mit ewigem Nachhall:

“Das eigensinnige Summen, das uns gerade jetzt
die Tiefen
hinaufbegleitet.”

Dem Leser Hausaufgaben mitgeben

Poetisch endet auch ‘Faserland‘ von Christian Kracht. Der Roman, der als Höhepunkt und Ende der Popliteratur gefeiert wird und im Grund doch nicht in dieses Genre passt, gibt dem Leser Hausaufgaben auf, wenn der Erzähler in Zürich mit den Worten endet: “Ich steige ins Boot und setze mich auf die Holzplanke, und der Mann schiebt die Ruder durch diese Metalldinger und rudert los. Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald.”

Imposant schließt dagegen der ‘Zauberberg‘. Nachdem in sieben Teilen die Welt analysiert, philosophische Betrachtungen abgewogen und in unzählbaren Metaphern und Symbolen der Mensch und sein Dasein positioniert wurden, bricht der Erste Weltkrieg herein und zerstört die teuer erlesene Menschlichkeit. Die Frage bleibt, was Leben ist und ob es sich jemals wieder aus den Trümmern erheben werde; aus den Trümmern der Schlachtfelder, die Hans Castorp verschlingen: “Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?”

Letzte Sätze bei LePublikateur

Der überragende letzte Satz kommt von Lew Tolstoi

Mit ähnlich biblischer Wucht schließt auch ‘Moby Dick‘. Die Welt ist die gleiche, nach 1.000 Seiten Walfang. Aber der Leser ist es nicht, nachdem ihm Ahab, der weiße Wal, Starbuck und Elias begegnet sind. Wenn sich dann die Wogen der Wellen glätten, bleibt einer zurück, um der Nachwelt zu berichten. Ismael, der damit abschließt: “Am zweiten Tage stand ein Segel auf mich zu, kam näher und nahm mich auf. Es war die umherirrende Rachel – auf der Suche nach ihren verschollenen Kindern fand sie nur eine weitere Waise.”

Der letzte Satz als echter Abschluss

Zum Schluss bleibt nur der eine Satz, der das Kapitel über die letzten Sätze beenden kann; aus dem Roman, der auch schon den wichtigsten ersten Satz lieferte: ‘Anna Karenina‘. Lew Tolstoi lässt Lewin über sein Leben nachsinnen. Nachdem diesem im Laufe seiner Heldenreise die Schönheit der Natur, der Kommunismus, der Mensch als Feind und der Mensch als Freund begegnet sind; und er sich der Prüfungen unterziehen musste, Menschen zu führen und um Menschen zu werben; bricht über ihn letztendlich doch das Glück herein und er erkennt einen Sinn, der eigentlich in jedem Leben stecken sollte:

“Und mag ich auch in Zukunft bleiben, wer ich bin: ausfahrend gegen den Kutscher, unbedacht im Gespräch mit den Freunden, das heiligste meiner Seele verschliessend vor anderen, selbst vor ihr, die mir am nächsten steht, mag ich sie strafen wollen für meine eigene Angst und es hinterher bereuen, mag ich zweifeln an meinem Gebet und doch fortfahren zu beten – von nun an, weiß ich, wird mein Leben, wie immer es sich gestalten möge, doch niemals mehr zwecklos sein können wie bisher.Sondern es wird haben, was ihm fehlte, den unzweifelhaften Sinn, der es in jedem seiner Augenblicke über sich selbst hinaushebt: den Sinn des Guten, den hineinzulegen in meiner Macht steht.”

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